Big Data – Zukunft oder Untergang?

Christian Born

– 25. Februar 2015

In seinem Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 3. Februar 2015 hat der Redakteur Karl-Heinz Büschemann Big Data als „Digitale Ausbeutung“ der Menschen durch IT-Konzerne bezeichnet – so der Titel und der Tenor des Artikels. Das ist insofern bemerkenswert, als der Artikel nicht im Feuilleton, sondern im Wirtschaftsteil der Süddeutschen erschien.

In seinem Artikel vergleicht er User mit Eingeborenen, die von „Conquestadoren“ beraubt und um ihre Rohstoffe gebracht werden. Was der Artikel dabei nivelliert, ist die Tatsache, dass Unternehmen wie Google nicht nur zu den größten Datensammlern im Internet gehören, sondern auch zu den größten Datenspendern. Denn woher, wenn nicht über Internetanbieter wie die Suchmaschine Google, bezieht denn die explodierende Wissensgesellschaft die unglaubliche Flut an ständig wachsenden Daten und Informationen? Und das sogar noch: kostenlos!

Wobei man an diesem Punkt nicht in den umgekehrten Tenor des Artikels verfallen sollte. Denn wirklich kostenlos sind die Informationen ja oft nicht verfügbar, sondern der User tauscht seine Daten in vielen Fällen ein gegen die Daten, die er abruft, ein. Eine Win-Win-Situation, möchte man auf den ersten Blick meinen, denn beide Seiten profitieren davon. Der „Big Data Spender“, indem er wirtschaftlich prosperiert – und der User, indem er über das Web scheinbar unbegrenzt Informationen in Echtzeit abfragen kann.

Karl-Heinz Büschemann geht die Macht der Daten-Konzerne wie Google und Facebook zu weit. Er führt mit dem Begriff des „Datenkapitalismus“ und dem Theorem des ungerechten „Tauschwerts“ Begriffe aus der marxistischen Ökonomie ins Feld. Die mächtigen Konzerne zementieren ihre Macht, indem sie die arme Bevölkerung ausbeuten. Was dieses einseitige und neomarxistisch angehauchte Bild des Internets mit der Realität zu tun hat, bleibt das Geheimnis der SZ-Wirtschaftsredaktion. So richtig auch einige Thesen über unzureichenden Datenschutz in diesem Artikel sind und so kritisch das „Ausspionieren“ von Datenspuren zu sehen ist – so wenig leisten Vergleiche mit der spanischen Armada und die Verbreitung von Untergangsstimmung einen positiven Beitrag zum Umgang mit dem Phänomen Big Data.

Big Data, schreibt Karl-Heinz Büschemann, „kann keine Zukunft haben“. Er irrt da wahrscheinlich genauso wie alle, die meinten, das Auto und das Telefon und der Computer und das Internet seien überflüssige Erfindungen. Und er verstellt damit den Blick aufs Wesentliche: Nicht Big Data an sich ist das Übel, sondern die augenblickliche Situation einer noch zu sehr deregulierten Datenwelt. Nicht die Datenkonzerne wie Google sind das Problem, sondern das Hinterherhinken von Recht und Politik im Hinblick auf die Regulierung negativer Ausprägungen und Entwicklungen. Big Data ist die Zukunft – und zwar eine Zukunft, die wir meistern müssen.

Die Online-Generation darf sich von den Vertretern der Offline-Generation und Ewiggestrigen nichts vormachen lassen: Big Data ist per se kein Moloch, sondern kann eine glorreiche Zukunft sein. Mit Hilfe von Data Mining und Data Research lassen sich aus dem schier unerschöpflichen Datenpool der Welt und des World Wide Webs Informationen von unschätzbarem Wert herausdestillieren. Dadurch werden Geschäftsmodelle und Erkenntnisgewinne möglich, von denen man in der Vergangenheit nur träumen konnte. Nicht umsonst werden Daten heute als das Gold oder das Öl des Internets bezeichnet.

Und hier sind wir am Punkt einer reellen Sicht auf „Big Data“: Big Data liefert dem Menschen in der Cloud und im Netz nichts anderes als Rohdaten in nie gekannter Fülle. Diese sind wie Rohdiamanten, ungeschliffen, und müssen erst in Werte verarbeitet werden. Sie sind unter wirtschaftlichen Aspekten von unschätzbarer Bedeutung. Das zeigt schon allein der Begriff „User“ – Internetbesucher sind Informationsnutzer, und diese Bezeichnungen sagen viel über den extrem hohen Nutzwert des Internets und von „Big Data“ aus.

Aber: Datenmissbrauch kann wie Rohöl, das verklappt wird, auch schädlich sein für uns und unsere Umwelt. Was die Menschen daraus machen, wird die Zukunft zeigen – doch war das bei anderen Neuerungen jemals anders?

Wie im Werbespot des Öl-Multis Esso aus dem 70er Jahren möchte man der Online-Generation, der Wirtschaft sowie den politisch-gesetzlichen Vertretern zurufen: „Es gibt viel zu tun – packen wir es an!“ Es liegt an uns, was wir daraus machen. Die Offline-Generation hingegen scheint mit ewiggestrigen Parolen und ihrem Unverstand dem Thema gegenüber nichts Konstruktives dazu beitragen zu können.

Christian Born

  • Kerstin

    Vielen DANK dafür!